Am vergangen Freitag erschien auf Zeit Online ein Beitrag von Nina Pauer, in dem sie über Geschlechterrollen und Männer spricht. Sie sieht die jungen Männer in einer Krise, verursacht durch den Wandel, den die Gesellschaft in den letzten knapp 30 Jahren erfahren habe. Die Gesellschaft sei es angeblich, die es dem Mann abverlange sensibel, einfühlsam, bedacht und auch mal schwach zu sein. Zwar lenkt die Autorin an dieser Stelle kurz ein, dass diese Wandlung zunächst zu begrüßen sei, sieht aber ein Abgleiten in das Groteske.

Denn: Die jungen Männer würden das Leben, ihr Handeln und ihre Gefühle zu sehr reflektieren. Sie wirft ihnen außerdem vor, sich würden sich auf einer Metaebene bewegen, die eine Kommunikation mit dem weiblichen Geschlecht gänzlich verhindere. Sie behauptet zudem diese “neue männliche Innerlichkeit” würde auf Frauen zu kompliziert “und auf die Dauer furchtbar unsexy” wirken. Belegt wird diese Behauptung, die wohl eher eine persönliche Meinung der Autorin darstellt, jedoch nicht.

Sie redet dann in drei Sätzen noch ein wenig über den Wandel der Geschlechter in den letzten Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten – denn kein Beitrag zu Geschlechterrollen ohne den obligatorischen Minnesänger! Das ganze endet dann in dem Fazit, dass Frauen und Männer endlich auf Augenhöhe kommunizieren und lieben könnten. Der junge Mann von heute, so die Autorin, sei jedoch irgendwo auf dem Weg dorthin verloren gegangen, da er es verlernt habe, fordernd zu flirten und nicht mehr wisse, wann es Zeit sei den ersten Schritt zu tun. Er bliebe Freund, statt Partner zu werden, weil er zu viel nachdenke.

Der Beitrag verliert sich schließlich im Gerede über Mixtapes und ungelenke erste Schritte. Was folgt, liest sich eher wie ein persönlicher Kommentar statt wie ein ernstzunehmender Beitrag zum Wandel der Geschlechterrollen, als welcher er sich innerhalb der Publikation verkauft.

Wie die Zusammenfassung schon zeigt, sind mir diverse Aussagen und Argumentationen in diesem Zeit Artikel sauer aufgestoßen. Gleichzeitig durfte ich die Reaktionen von Freunden und Bekannten beobachten. Diese reichten von Zustimmung, Belustigung und Ablehnung bis hin zu einem sich Wiedererkennen in der Charakterisierung der hier beschriebenen jungen Männer. In der Opferrolle wohlgemerkt! Der Artikel war so Auslöser für Diskussionen, die bis zum nächsten Tag in meinen Netzwerken auf Facebook und Twitter nachhallten. Daher ist es mir ein Anliegen einige meiner Gedanken zu diesem Artikel aufzuschreiben.

Meine erste Reaktion beim Lesen des Artikels: Im Prinzip könnte man jedes “Mann” durch “Frau” austauschen. Denn sind wir nicht genauso reflektiert, haben wir nicht die gleichen Ängste? Sind wir uns nicht auch manchmal unsicher ob unserer Identität, den Erwartungen, die wir und andere an uns stellen? Ich möchte hier dennoch nicht von einer Krise sprechen, denn weder der Mann, noch die Frau befinden sich in einer Krise. Natürlich haben wir alle unsere Päckchen zu tragen und sind unsicher. Das Wort Krise ist hier jedoch meiner Meinung nach zu drastisch gewählt. Der Begriff stößt mir mittlerweile fast genauso sauer auf wie der inflationäre Gebrauch des Wortes “Burn-out Syndrom”, aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zur angeblichen “Identitätskrise” der jungen Männer. Ja, Männer müssen ihre Rolle in der Gesellschaft finden. Sie müssen entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten möchten und dazu gehört auch, wie sie dem anderen Geschlecht gegenüber treten möchten oder können. Aber das ist nichts neues und gilt im Übrigen für alle Menschen, Männer und Frauen. Neu und zu begrüßen ist, dass mehr Rollen und Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Wir leben – zumindest theoretisch – in einer Gesellschaft, in der es zulässig ist, eine andere Rolle als die in der Gesellschaft dominante einzunehmen.

Das heißt auch, dass junge Männer heutzutage eine offene Schüchternheit und Sensibilität ausleben dürfen. Sie dürfen Gefühle zeigen und Unsicherheiten zugeben. Sie werden – zumindest in der Theorie – nicht mehr komisch angeschaut, wenn sie “melancholische Mädchenmusik” hören (wer definiert überhaupt Mädchenmusik und woher kommt dieser alberne Begriff?). Ja, auch ein Mann darf zögern den ersten Schritt gegenüber einer Frau zu tun, weil er zu schüchtern oder sich seiner Gefühle nicht sicher ist. Es gibt sogar Frauen, die das nicht als unsexy, sondern als attraktiv und charmant empfinden. Wie mein Opa immer sagte: “Jeder Jeck ist anders.”

Der, ich nenne ihn jetzt einfach mal, “sensible junge Mann” ist übrigens keine Erfindung der Postmoderne. Es gab schon immer diese Art von Männern – oder sagen wir einfach Menschen?! Im Sturm & Drang finden wir sogar eine Epoche, in der diese Art von Männlichkeit sogar noch intensiver ausgelebt wurde als heutzutage. Gleichzeitig gab es auch Zeiten, wo diese Charakteristika in Männern als weibisch und unmännlich abgetan, verpönt und sogar verfolgt wurden. Ich persönlich würde mir wünschen, dass diese Zeiten endlich vorbei sind. Ich dachte sie wären es.

In der Praxis, und das zeigt Nina Pauer in ihrem Artikel mal wieder auf fantastische Art und Weise, sind wir wohl noch lange nicht so weit. Scheinbar ist immer noch der Mann gefragt, der nicht lange zögert, der nicht nachdenkt, sich nicht erst über seine Gefühle klar werden muss, bevor er eine Frau anspricht oder ihr am besten gleich die Zunge in den Hals steckt. Die Autorin fordert Männer, die weniger einfühlsam als fordernd sind. Vielleicht will sie jemanden, der ihr ihre eigenen Unsicherheiten abnimmt, durch seine Fähigkeit Entscheidungen zu treffen und zwar ohne lange nachzudenken.

Liebe Frau Pauer, ich kann Sie beruhigen: Diese Männer gibt es noch und zwar zuhauf! Vielleicht nur nicht in den Kreisen, in denen Sie sich bewegen. Vielleicht sollten Sie einfach mal in anderen Gewässern fischen als den “in dunklen Großstadtbars”.

Zurück zum Allgemeinen: Möchte man als Frau nicht selbst entscheiden? Kann ich als Frau nicht den ersten Schritt tun und jemandem sagen, dass ich Gefühle für ihn habe? Auch das ist doch in einer modernen Gesellschaft möglich. Wir Frauen müssen uns nicht mehr erobern lassen, wenn wir das nicht möchten. Vielmehr dürfen und wollen viele von uns auch selbst erobern. Außerdem, ist es auch andererseits nicht sogar zuvorkommend und fair, wenn ein Mann sich erst sicher sein möchte, bevor er eine feste Beziehung eingeht? Geht es uns da nicht oftmals genauso?

Sowohl Männer als auch Frauen haben heute den Luxus ihr Leben selbst zu definieren, die Ehe gilt nicht mehr als das höchste Ziel des Erwachsenwerdens. Überhaupt können wir das Erwachsenwerden heraus zögern, bis wir dreißig oder vielleicht sogar vierzig sind. Manche von uns werden es sogar nie. Als Frau sind wir nicht mehr von Partnerschaften abhängig. Wir müssen nicht nach unserem Abitur oder unserer Ausbildung einen Partner finden, Kinder bekommen und eine gute Hausfrau sein, um Ansehen in der Gesellschaft zu erfahren und unseren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Der Punkt, an dem Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, nicht mehr von jedem schräg geschaut werden, ist auch schon irgendwo am Horizont zu erkennen. Gleichzeitig gelten Frau, Kind, Haus und Karriere nicht mehr als das höchstes Ziel des Mannes. Wenn wir so weitermachen würden, wer weiß, wie viele Chancen und Möglichkeiten für die nächsten Generationen junger Männer und Frauen in der Zukunft liegen.

Natürlich bedeuten mehr Möglichkeiten auch, dass das Leben und auch die Liebe komplexer werden. Wir sind also gezwungen nachzudenken, manche nennen es auch grübeln. Klar macht einem das alles auch manchmal unglaubliche Angst. Woher soll man auch im Vorhinein wissen, welche Entscheidung die richtige ist?

Es ist ein wenig so, als stünde man vor dem Schokoladen-Regal im Supermarkt. Vielleicht ist die Marke oder die Sorte, die man sich gerade aussucht, doch nicht die Richtige, vielleicht zögert man kurz und überlegt noch einmal, studiert noch einmal die Zutaten, schaut sich das Bild auf der Packung genau an. Man legt die Sorte, die man gerade schon in der Hand hatte, noch einmal zurück, weil die Auswahl eben so groß ist. Vielleicht beißt man aber auch später nach dem Kauf der Schokolade auf eine zu harte Nuss und verliert einen Zahn. Hätte man doch besser die Luftschokolade gekauft, mit der wäre das nicht passiert.

Weil Menschen aber keine Schokolade sind, haben wir einen großen Vorteil: Wir können auf die Entscheidungsfindung der anderen Einfluss nehmen und tun es automatisch, wenn es um Partnerschaften geht, denn dazu gehören immer zwei. Egal, ob Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann. Ist also jemand unsicher, hat der andere immer die Möglichkeit den ersten Schritt zu tun und zu sagen: “Ich mag dich! Ich finde, wir würden wahnsinnig gut zusammen passen. Lass es uns doch probieren.” Natürlich kann auf so eine Ansage noch immer Abweisung folgen und natürlich ist das scheiße. Vielleicht bekommt auch keiner der beiden es gebacken und die Beziehung bleibt auf der Ebene des sich vergeblich Anschmachtens. Aber warum sollen die jungen Männer diejenigen sein, die die Abfuhr einstecken müssen? Warum ist es der “junge Mann von heute”, der für das Ausbleiben einer Partnerschaft verantwortlich ist, wenn keiner der beiden aus dem Knick kommt? Haben Frauen nicht genauso die Pflicht und die Fähigkeit zur Courage?

Der Mensch tendiert dazu zu sagen: “Früher war alles besser!”. Ja, vielleicht war früher manches einfacher, zumindest nach außen hin, weil es einfach nicht den Luxus der Möglichkeiten und Freiheiten gab. Auch die Entscheidung im Tante Emma Laden nach dem Krieg war einfacher: Es gab einfach entweder keine Schokolade oder, wenn man ein bisschen Glück hatte, eben nur eine Sorte. Sehnen wir uns aber wirklich zurück zu diesen Zeiten? Wo wir alle dem einen, von der Gesellschaft vorgegebenen Ideal entsprechen mussten?

Ist es nicht viel schöner, wenn ein Mensch so sein darf, wie er ist? Wenn Männer die gleiche Musik hören dürfen wie Frauen, Frauen aber auch Fußball spielen und wenn es ihnen beliebt Männer am laufenden Band aufreißen dürfen. Wenn vielleicht ein Typ morgens länger im Bad braucht als seine Freundin und das okay ist? Wenn es die Bezeichnung Mädchenmusik irgendwann einfach nicht mehr gibt, weil wir endlich gemerkt haben, dass sie Schwachsinn ist. Wenn “Du Mädchen” nicht mehr als Schimpfwort benutzt wird und wir alle einfach mal zugeben dürfen, dass wir WarmduscherInnen sind.

Comments

33 Comments

Post a comment
  1. January 7, 2012

    Merci. <3

  2. January 7, 2012

    <3

  3. January 7, 2012

    Mich hat in den Reaktionen, die ich zu Pauers Text beobachtet habe, besonders irritiert, wie viele Männer ihr zustimmten und einstimmten in einem Kanon à la: “Nur Arschlöcher bekommen Frauen ab, die netten Jungs nicht.” (Schuld daran sind natürlich die bösen Frauen)
    Das Gelabere von der “Krise der Männlichkeit” (Wir erinnern uns: The Atlantic: “The End of Men”, oder Claudius Seidl, der in der FAS gar vom “November der Männer sprach) verschleiert eine Kernaussage unter einer versuchten Mitleidserregung für “weichere” Männer: durch den Wandel der Geschlechterrollen und das Erstarken von Frauen in der Gesellschaft, seien Männer in Zweifel an ihrer Rolle geraten. Um diese wieder zu stabilisieren, braucht es einen Rückkehr in traditionelle Rollenmuster << das ist die Hidden Agenda.
    Wo aber bleibt der Diskurs unter Männern über die vielfältigen Rollen, die sie einnehmen könnten (und auch schon immer tun)?
    Eine Rückkehr in alte Rollenmuster wünscht sich scheinbar auch Nina Pauer. Schade. Wir sind immer alle so emanzipiert (in der Theorie) und sobald es hart auf hart kommt, nämlich in Beziehungen, wenn Menschen Familien gründen, bröckelt es. Ja, da können Frauen sich fragen, warum es ihnen plötzlich doch etwas ausmacht, den ersten Schritt zu machen, das Haupteinkommen zu verdienen, die Kinder loszulassen. Das kann aber nicht losgelöst davon gesehen werden, dass Frauen nach wie vor in diese Position gedrängt werden. Dass Frauen auf den kühnen Prinz warten, ist harte Sozialisation.
    Dass "Männlichkeit" in vielen Facetten gelebt werden kann und akzeptiert wird, dafür ist jedoch nicht der Feminismus zuständig. Wie das geschehen kann, sollten Männer (laut) überlegen. Ich bin gespannt. Denn das Verlangen nach starken Männern zeigt zweierlei: es braucht den Feminismus noch, und zwar sehr. Aber auch eine Entsprechung für die Herren.

  4. Christian Huth #
    January 7, 2012

    Erstmal… lustig hier auf ne Seite einer Person zu stoßen die den selben Nachnamen trägt D:

    Nun mein Kommentar:

    Ja vielleicht hatte die Dame teilweise recht. Ich sehe das im Bekanntenkreis oder auch im Verwandtenkreis aber
    wie du schon richtig schreibst ist “Krise” wohl kaum das richtige Wort :D danke dafür xD

  5. Patrick #
    January 7, 2012

    Ich möchte anfügen, ein Männerbild wird auch immer vom Frauenbild beeinflusst. Natürlich waren es Patriarchen, die die Frauen in ihre noch immer sichtbare soziale Rolle gedrängt haben. Mit der Veränderung dieser Rolle durch starke Frauen wie Katinka und Lisa ändert sich auch die Rolle der Männer. Vorbilder und Vaterbilder verlieren ihre Gültigkeit. Junge Männer stehen ohne Orientierung im Leben und müssen ihre Position erst noch finden. Feminismus bedeutet auch für Männer eine große Neuordnung, die gestemmt werden möchte. Ich bin 22 und zwischen (mehr oder weniger) starken, alleinerziehenden Frauen aufgewachsen. Ich musste nach meiner Pubertät erst langsam lernen, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist. Deswegen sehe ich das Thema exakt wie Katinka, die Welt ist eine bessere, wenn wir uns alle lieb haben, wie wir sind, und so sein dürfen, wie wir wollen, mit Rücksicht auf die Anderen. Aber Jungs, die sich von Pauer verstanden fühlen, kann ich genauso hineinversetzen. Wer mit stereotypischen Rollen aufgewachsen ist, braucht Frauen wie euch, die sie behutsam an die Hand nehmen und zeigen, dass die Welt so aussehen sollte. Feministinnen schrecken sie ab, weil er oft, selbst auf mich, dogmatisch und borniert wirkt. In dieser Situation gerät man schnell an Männerbilder, die Frauen geringschätzen. Weil ihnen das Verständnis fehlt. Deswegen brauchen wir weniger Alice Schwarzers und mehr Katinkas und Lisas, bitte. Dann gibt es vielleicht in Zukunft mehr Männer, mit androgynem (dieser Begriff wäre dann auch hinfällig) Charakter, die Frauen auf Augenhöhe begegnen.

  6. J. #
    January 7, 2012

    Wahre Worte und ganz fein fabuliert.
    Tolle Gegendarstellung!

  7. January 8, 2012

    Don’t be a maybe. Auch sensible junge Männer können sich zusammenreißen =)

  8. s. #
    January 8, 2012

    sehr gut … danke

  9. January 8, 2012

    Genau! :-)

  10. svn #
    January 8, 2012

    wunderbar, die seite gefällt mir immer mehr. ich möchte auch noch anfügen, dass “mädchenmusik” von brockdorff klang labor mit friebe vertont wurde.

  11. Steffi #
    January 8, 2012

    Danke für diese präzise Antwort auf einen rückwärts gewandten und erschreckenden Artikel. Hoffen wir, dass wir wirklich “so weitermachen” und Chancen für die nächsten Generationen erwirken. Auf dass diese sich nicht in ein neues Biedermeier von tradierten Vorstellungen flüchten, welche ihnen identitätsbildende Herausforderungen durch reduzierte und diktierte Rollenideale abnehmen.

  12. M. #
    January 8, 2012

    <3

  13. Maksim #
    January 8, 2012

    Zuerst möchte ich sagen, dass das ein wunderbar geschriebener Kommentar ist, dem ich im Großen und Ganzen zustimme, vor allem in dem Punkt, dass jede Art von Pauschalisierenden in diesem Zusammenhang wohl der größte Fehler ist, den die Autorin des Zeit-Artikels sich geleistet hat. Hätte sie die Stereotypen, die sie beschreibt, nicht als allgemeingültig deklariert, hätte das viel Wirbel aus der Sache rausgenommen. Auch bei der Differenzierung der Rollenbilder möchte ich meine uneingeschränkte Zustimmung aussprechen.

    So, nun zum Thema des Artikels. Es gibt nun mal solche Männer, die sehr unsicher sind und der früheren verbreiteten gesellschaftlichen Norm der Männlichkeit nicht entsprechen. Richtig ist, dass es solche Männer schon immer gab und dass das nicht primär das Zeichen der heutigen Kultur ist, auch wenn ich die Tendenz zur solchen Veränderung des männlichen Verhaltens im Vergleich zu anderen Generationen nicht ausschließen würde (was ich auch nicht schlimm finde!). Richtig ist, dass solche Männer nicht die Mehrheit darstellen und nicht unbedingt “furchtbar unsexy” wirken müssen und deshalb keinen Erfolg bei Frauen ist. Glücklicherweise ist die Wahrnehmung der Männlichkeit heutzutage viel differenzierter, als es früher der Fall war und gibt daher mehr Möglichkeit die eigene Art der Männlichkeit zu entfalten und auszuleben. Wenn die Autorin des Zeit-Artikels ernsthaft meint, dass es keine anderen Männer gibt, fehlt ihr tatsächlich die Weitsicht auf die heutige Gesellschaft. Zumindest in meinem Freundeskreis finde ich alles, von “Sensibelchen” bis hin zu “Arschlöchern” und das eine muss das andere nicht mal ausschließlich, so unterschiedlich und komplex können Menschen nun mal sein!

    Anderseits – obwohl mir jegliche statistischen Daten dazu fehlen und ich nur mutmaßen kann, was die Wirklichkeit ist, bin ich fest davon überzeugt, dass die meisten Frauen sich eher einem souveränen und sicheren Mann anvertrauen würden, als jemandem, der sich seinen Handlungen und Gefühlen unsicher ist und sonst nicht so genau weiß, was er mit der ganzen Situation anfangen soll. Das kann natürlich unter Umständen charmant wirken, bleibt aber eher eine Ausnahme als Regel. Natürlich kommen da noch viele weiteren Faktoren ins Spiel, wenn ein Verhältnis zwischen Mann und Frau entsteht, aber das Gefühl der Sicherheit spielt gerade bei komplizierten Situationen eine entscheidende Rolle und zwar auf beiden Seiten. Das führt dazu, dass schüchterne und unsichere Männer (was wiederum absolut nichts mit “Mädchenmusik” zu tun hat, was für Blocks!) tendenziell im komplizierten Geflecht der Mann-Frau-Beziehung weniger Chancen haben, eine Frau für sich zu gewinnen. Auch selbstbewusste und sichere Frauen, die theoretisch keine Sicherheit von ihrem Mann brauchen würden, neigen meiner Meinung nach tendenziell dazu, eher starke, selbstbewusste Männer auszusuchen. Denn: Bei aller modernen Aufklärung glaube ich immer noch an Instinkte und Triebe, die tief in uns sitzen und uns steuern, auch wenn wir dank der Weiterentwicklung des Bewusstseins einen gewissen Einfluss darauf nehmen können. Wenn du mir ein Gegenteil fundierten Beweisen beweisen kannst, bin ich sehr offen dafür.

    Ich möchte jetzt noch auf ein paar wenige Stellen im Katinkas Kommentar eingehen, mit denen ich nicht ganz einverstanden bin.

    1. Es stimmt, dass viele Männer sich Wiedererkennen in der Charakterisierung der hier beschriebenen jungen Männer, es stimmt aber nicht, dass sie alle sich in der Opferrolle sehen. Es ist ein Teil des Leben, auch mal so zu sein und viele kennen das eben. Als Opfer muss man sich da nicht unbedingt sehen, wenn man in der Lage ist, die Charakterisierung zu reflektieren.

    2. Wie du schon sagst: – zumindest theoretisch – kann der Mann oder Frau eine andere Rolle übernehmen, als die in der Gesellschaft dominante. Du sagst außerdem, dass es gesellschaftliche Freiheiten gibt, die das ermöglichen.

    Du schreibst: “Sowohl Männer als auch Frauen haben heute den Luxus ihr Leben selbst zu definieren”

    Du vergisst, dass es nach wie vor, vor allem in (Vermutung!) bildungsfernen Schichten, ganz andere Einflüsse gibt, fernab von jeglichen gesellschaftlichen Freiheiten! Auch da gibt es bestimmte Vorschriften für die “Männlichkeit” (und bestimmt auch für die “Weiblichkeit”), die aufgrund der sozialen Barrieren sehr schwer sind aufzubrechen. Ich will dir eigentlich gar nicht so widersprechen, was die theoretischen Freiheiten betrifft, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass viel zu viele Menschen von ihrem sozialen Umfeld und von Medien mehr beeinflusst sind als dass sie in der Lage wären, sich ihrer gesellschaftlichen Freiheit bewusst zu werden. Es stimmt, dass es heutzutage mehr Freiheiten gibt, aber es gibt leider auch immer noch sehr viele Zwänge, die man nicht einfach so ausblenden darf und die in der Entwicklung der Menschen einen starken Störfaktor darstellen.

    3. Du schreibst: “Gleichzeitig gelten Frau, Kind, Haus und Karriere nicht mehr als das höchstes Ziel des Mannes. ”

    Das ist eine Verallgemeinerung, du leistet dir an dieser Stelle den selben Fehler wie die Frau Pauker. Hier kann ich nur sagen – es gibt mehr als genug Männer, wenn nicht sogar die absolute Mehrheit, die genau dieses Ziel in ihrem Leben verfolgen. Das meine ich ohne jegliche Wertung.

    Und zu guter Letzt schreibst du folgendes: “Ist es nicht viel schöner, wenn ein Mensch so sein darf, wie er ist? “. Ja, ist es :-)

    Danke für diesen Kommentar, die ganze Diskussion und die Anregung zum Nachdenken.

  14. Tobias #
    January 8, 2012

    Danke. Dieses ewige Suchen herbeigezogener Krisen nervt und führt zu nichts. Ich bin auch gerne einfach ich, was sich unter anderem darin äußert, dass ich im Zweifel die gewohnte Schokoladensorte wähle. Eine Sorte, die weder Luftschokolade heißt, noch Schmerzen verursacht. Wie du schon herausgestellt hast: zum Glück haben wir die Wahl.

  15. Karin Huth #
    January 8, 2012

    Großartig – und richtig!

  16. January 8, 2012

    Danke! Dachte nach dem Artikel schon, meine Wenigkeit wird in diesem Land nicht mehr bebraucht oder gesucht ;)

  17. Karin Huth #
    January 8, 2012

    Nur der Vollständigkeit halber: es ist zu begrüßen, daß sich doch immer noch junge Männer und Frauen finden, die für die “nächsten Generationen” sorgen, welche dann ja in den Genuß der jetzt erkämpften Freiheiten kommen sollen……

  18. Sasa #
    January 8, 2012

    Man sollte nur nicht zu lange vor dem Schokoregal rumhängen und überlegen welche Schoki jetzt besser ist, denn irgendwann macht der Laden zu.

  19. Maksim #
    January 8, 2012

    Das besagte Schokoregal-Problem scheint in Berlin besonders verbreitet zu sein, hier sind 50% der unter 40-jährigen Singles. Ein Rekord!

  20. ktinka #
    January 8, 2012

    Es ging beim dem Schokoregal Vergleich ja nicht nur um die Wahl der Partner, ich wollte damit vielmehr die vielen Möglichkeiten, die zumindest einen Teil unserer Gesellschaft offen stehen, verdeutlichen.

    Und selbst, wenn sich jemand sein Leben lang nicht für eine Sorte Schokolade entscheiden kann, warum gilt sein Leben dann sofort als gescheitert? Vielleicht stört es manche gar nicht, wenn der Laden irgendwann schließt. Vielleicht machen sie sich gar nicht so viel aus Schokolade und essen sowieso lieber Gummibärchen.

  21. Maksim #
    January 8, 2012

    Ich denke, dass die allermeisten Menschen sich bewusst oder unbewusst auf Dauer nach Liebe sehnen und eine funktionierende Beziehung anstreben (auch die, die das Gegenteil behaupten) oder zumindest körperliche Zuneigung brauchen. Ich denke, dass liegt in der Natur der Menschen. Wenn es Menschen oder Männer gibt, die es nicht tun, finde ich es auch vollkommen OK. Von oberster Stelle würde ich jetzt nicht sprechen, weil die Prioritäten und Wertigkeiten der Dinge (für sich selbst) aufgrund ihrer Individualität schwer zu vergleichen sind. Aber ich finde alles mögliche okay eigentlich – jedem das, was er braucht.

  22. sasa #
    January 9, 2012

    Das ist auch okay, so lange die betreffenden Personen dann in weinseliger Laune nicht jammern, dass sie kein Stück Schokolade abbekommen haben (ich denke da an meine Ex-Chefin). Ich bin persönlich sowieso der Meinung dass wir uns nur zum Teil aussuchen können, welches Leben wir führen und ein großer Teil auch einfach Kismet ist.

  23. Karin Huth #
    January 9, 2012

    Liebste Katinka, ich finde es fantastisch, daß Du so eine tolle Diskussion angestoßen hast!
    Und jetzt als letzten Kommentar von meiner Seite: JEDER SOLL NACH SEINER FASSON
    SELIG WERDEN ! Hat mal ein berühmter Mensch gesagt……

  24. January 9, 2012

    Mich hat Pauers Artikel auch sehr geärgert und dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll, stimmt natürlich absolut. Aber ich finde, sie spricht auch eine gewisse Unsicherheit bei manchen Männern an, die für jene nicht sehr angenehm ist und nicht zu ihrem Lebensstil gehört – und die viele Frauen mitverschulden. Habe auf meiner Seite auch einen Eintrag dazu geschrieben. Grüße, J

  25. shyen #
    January 9, 2012

    ich finde die doch recht entspannte herangehensweise an einen artikel, der so stereotyp und traditionell im negativsten aller sinne das sehr emotionale thema feminismus vs. maennlichkeit zu beschreiben versucht wirklich beeindruckend. tolle gegendarstellung, die emotional genau den richtigen ton trifft wie ich finde.

  26. ktinka #
    January 9, 2012

    @Jonathan: Diese Unsicherheit wird aber doch durch Beiträge, wie dem von Frau Pauer verstärkt. Insofern, ja sie wird auch durch Frauen mitverschuldet.

  27. January 10, 2012

    @ktinka: Ja, genau. Nina Pauer nimmt zwar grob etwas wahr, was nicht komplett falsch ist – aber sie zieht die völlig falschen Konsequenzen.

  28. only connect #
    January 23, 2012

    Ein wenig Schüchternheit und Unsicherheit bei Männern wirkt auf mich (stock-hetera) einfach sexy.

  29. jule #
    February 1, 2012

    Toller Artikel, dankeschön! Der angeblich schwache Mann kursiert doch schon viel zu lange in sämtlichen Diskursen herum, ohne mir in der Wirklichkeit so zu begegnen.
    Mir erscheint Selbstbewusstsein als eines der wichtigsten Attraktivitätsattribute am anderen Partner – und das heißt nicht, dass dieser nicht auch einmal schüchtern lachen oder erleichtert sein kann, wenn man auf ihn zugeht. Selbstbewusstsein hat meiner Ansicht nach eben nichts mit Lautsein oder dem Zwang zu tun, im Mittelpunkt stehen zu wollen, es gibt nun einmal introvertierte und extrovertierte Menschen und allesamt können sich durchaus ihrer selbst bewusst sein.
    Mein Partner wirkt nach außen hin oft zurückhaltend, dennoch hat er kluge, sichere Überzeugungen und vertritt diese auf seine (leise, aber auch konsequente) Art und Weise. Das finde ich beeindruckend. Und der immer mal wieder auftretende Hauch von Schüchternheit – siehe den vorhergehenden Kommentar – finde auch ich als hetera-Frau ziemlich sexy.

  30. February 5, 2012

    Ganz ganz tolle Gedanken, Katrin! Habe den Artikel damals auch gelesen und mir Ähnliches dazu gedacht…

Trackbacks & Pingbacks

  1. Elisabeth Rank
  2. Schmerzensbrecher « talismanisch.com
  3. Spex - Magazin für Popkultur » Schüchterne Junge Männer

Leave a Reply

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS